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Die letzte Nachtwache

Die letzte Nachtwache

„Ich bin zu alt dafür.“ I’Nian zog den Umhang fester um die knochigen Schultern. Der Nachtwind war kalt, die Stufen steil und ausgetreten. I’Nian steckte ein Frösteln in den Knochen, das nicht auf den Nachtfrost zurückzuführen war. Müde strich sie sich über die hohe Stirn. „Konzentriere dich!“, fauchte sie unvermittelt in die Dunkelheit. Danach hörte man nichts, als das Tock-Tock des Stabes auf den Stufen und ein schweres Atmen.

Als I’Nian den letzten Treppenabsatz erreichte, sah sie ein bläuliches Licht unter der Holztür schimmern. Er war also da. Wieder einmal. Ihre Hand krallte sich um den Stock. Wo waren die guten Zeiten hin? Der Geist greift an, der Geist wird bezwungen und alles schläft ruhig und still. I’Nian richtete sich auf. Als sie schließlich die Wachstube betrat, war sie die, die sie immer war und immer sein würde. Ihr Stamm baute auf ihre Macht.

„Willkommen, I’Nian. Große Wächterin. Schützerin der Träume.“ Ein Schatten erhob sich aus ihrem Sessel. „Ich rechnete schon nicht mehr mit deinem Erscheinen.“

I’Nian fragte ihn schon lange nicht mehr, wie er ungesehen in den Turm gelangt war.
„Nimm Platz!“ forderte die dunkel-ölige Stimme. „Das Feuer ist schon gerichtet.“
Im steinernen Feuertrog tanzte ein bläuliches Elmsfeuer über trockene Holzscheite, ohne sie zu verbrennen.
„Ich bin überrascht. Soviel Fürsorge steht dir nicht.“
Eine der unwirklichen Flammen sprang aus dem Stein, tanzte über den Boden und kletterte an I’Nians Umhang empor. Sie wartete. Einen Herzschlag, zwei Herzschläge – dann pflückte sie die Flamme von ihrer Schulter, betrachtete das Licht, das durch den Käfig ihrer Klaue strahlte und vertiefte sich in sein Wesen. Einen Wimpernschlag später loderte das Elmsfeuer in einem Funkenregen auf. Gelb war das Licht, heiß war sein Atem, als es wieder im Feuertrog landete und das Holz in Brand setzte.

„So änderst du dich nicht?“ Der Schatten stand an der Fensterbrüstung und blickte über das schlafende Dorf hinweg. Er hatte nicht zugesehen, brauchte es auch nicht. Das Ganze war zu einem Ritual verkommen. Sinnentleert. Hohl. Eine erstarrte Floskel in einem erstarrten Kampf.

„So seid ihr“, müsste er jetzt eigentlich sagen. Feurig, zornig, einschüchternd, anklagend und verächtlich zugleich. „Ihr verzehrt Euch in der Glut des Augenblicks. Jeder Atemzug verbrennt Eure Zukunft, solange bis nichts von Euch übrig bleibt. Und alles was Ihr berührt, verurteilt Ihr zum Tod.“

„Das nennt man Leben“ würde sie nicht leidenschaftlich, dennoch ebenso stark, erwidern. „So ist das mit der Energie. Irgendwann ist sie verbraucht. Irgendwann muss jeder und alles einmal sterben.“

„Ihr könntet unsterblich sein“, schlüge er jetzt einen neuen Ton an. Verführerisch, lockend. „Ihr seid in der Lage, Eure Energiemuster zu verändern. Ich weiß, Du hast die Gabe dazu.“

„Wer will Unsterblichkeit?“ gäbe sie zurück. „Das Leben ist kostbar. Es ist einzigartig. Es ist begrenzt. Würden die Grenzen der Zeit und des Verfalles wegfallen, was bliebe von der Wertigkeit des Augenblicks?“ Danach würde sie die Unterhaltung beenden, würde in die starre Rolle der Wächterin wechseln und ihm die Tür weisen. „Gehe – und wage nicht, Hand an sie zu legen!“

Er würde den Kampf eröffnen. Wieder ein Ritual. Keiner konnte den anderen noch überraschen. In unzähligen Nächten waren alle Tricks und Finten gezeigt und gekontert worden. Letztlich würde er gehen. Die nächste Nacht kam so sicher wie die Ebbe auf die Flut.

„Nein“ drang ihre Stimme in seine Überlegungen. „Du kennst meinen Standpunkt. Ich kenne deinen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Er blieb am Fenster stehen. „Willst du mich nicht bitten zu gehen?“
Sie schwieg. Krachend zerfiel ein Stück Holz in der Glut. Lichtfunken sprangen in die Luft, erhellten die Dunkelheit zwischen den beiden Gestalten. Was I’Nian sah, legte sich dunkel auf ihr Herz. „Was willst du von mir?“, dachte sie. „Was soll dieser Narrentanz? Um Sieg, Eroberung, Niederlage und Macht geht es doch schon lange nicht mehr. Deine Drohungen sind saft- und kraftlos. Du bist keine Gefahr mehr für uns. Deine Verbündeten sind so unwirklich wie die Nebelschwaden am frühen Morgen. Was also machen wir hier?“

Müde ließ sie sich in den Sessel sinken, an dessen Seite sie die ganze Zeit als Zerrbild ihrer Macht ausgeharrt hatte. Der Stab lag leicht in ihrer Hand.

„Ich bin nicht grausam“ teilte der Schatten unvermittelt die Stille zwischen ihnen. „Ich bin, wie ich bin.“
Mit einem Mal begriff sie. Wusste immer noch nicht, wer er war oder was er war. Aber sie wusste, was sie zu tun hatte.
„Rede“ murmelte sie. „Deine Worte sind sicher bei mir.“
Für einen bangen Moment wusste sie nicht, ob sie einer neuen Finte aufgesessen war – doch dann schob sich der Schatten in den Sessel ihr gegenüber.

Er betrachtete sie, die Wächterin. Sie, die ihm stets kampfbereit begegnet war. Er fragte sich, ob es ein neuer Trick war. Wagte sie es tatsächlich, ihn einzulullen? Doch dann lehnte er sich zurück und ließ den Worten freien Lauf.
29.11.06 15:11
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


marinasa (29.11.06 15:53)
Und? Mehr!!!!!!!!!!!!!!!!!! :-)
Marina

Du schreibst eh sowenig, wirfst uns hier einen teil deiner Kunst hin und nun?

Ich find sie immer wieder toll .-)

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